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Whale Rider


Der jüngste Kontinent entdeckt seine ältesten Bewohner wieder: Nachdem sich Long Walk Home mit der Geschichte der australischen Aboriginies auseinandersetzt, erzählt Whale Rider vom Leben einer Maori-Gemeinschaft im modernen Neuseeland.
Beide Filme liefen in ihren jeweiligen Produktionsländern mit außerordentlichem Erfolg und konnten auch hierzulande durchweg positive Kritiken einstecken. Whale Rider lief darüber hinaus auch auf verschiedenen Independent-Festivals sehr erfolgreich. Zurecht, wie ich meine


Es ist denkbar schwierig, einen Film über das Leben mit alten Bräuchen und Ritualen zu drehen, ohne sich dabei als nostalgischer Beobachter oder Dokumentarfilmer zu verstehen. Wo soll im täglichen Leben von westlich geprägten Menschen noch Platz sein für die Mythen und Erzählungen der Ahnen?

Dem Kinozuschauer erscheint dies als die zentrale Frage, wenn er in den Film eingeführt wird: In einer Familie, aus der seit jeher ein Maori-Häuptling stammt, verlässt der einzige männliche Nachkomme seine Heimat nachdem bei der Geburt von verschiedengeschlechtlichen Zwillingen seine Frau und kurz darauf sein Sohn sterben. Nur das kleine Mädchen bleibt in der Obhut der Großeltern - und dem Großvater, der sich nichts mehr wünscht, als einen männlichen Nachkommen, an den er sein Wissen weitergeben und den er zum neuen Häuptling machen kann, ein Ärgernis.

Während der alte Mann im Streit mit seinem Sohn bleibt, der gelegentlich von seinen Reisen durch die Welt zurück kehrt, und unter den erstgeborenen Söhnen der Siedlung nach einem neuen Häuptling sucht, wächst das kleine Mädchen mit der alten Kultur des Großvaters auf. Sie lebt diese Kultur und ist enttäuscht und verwundert darüber, dass ihr Großvater dies nicht anerkennt und es ihr mitunter gar verbietet.

Diese erste Hälfte des Filmes ist nicht mehr als eine Studie dieser Gesellschaft, die sich von ihren Wurzeln entfernt und in der der 'Häuptling' zwar noch eine Respektsperson ist, seine Überzeugungen jedoch nicht sehr ernst genommen werden. Dazu kommt die Rebellion des jungen Mädchens, das sich nicht mit ihrer Rolle abfinden will. Das ganze wird nett erzählt, mit etwas Witz - sehr ähnlich Billy Elliot; allerdings nicht der große Wurf, den man vielleicht erwartet hat.

Doch dann verändern sich Geschichte und Erzählweise kaum merklich - bis man sich plötzlich mitten im Geschehen wiederfindet, dass die soziale Beobachtung hinter sich gelassen hat und den Zuschauer gefangen nimmt in einem Reich von Sehnsüchten, Schicksalen und mehr und mehr auch Mythen. Der Zuschauer sieht die Figuren mit anderen Augen, er hofft und er glaubt.

Oft wird der Film als 'modernes Märchen' bezeichnet; und vielleicht sind die Wendungen und kleinen Wunder auch tatsächlich jenseits non normaler Erzählung. Doch es ist mehr als ein Märchen. Der Film schafft es, im modernen Leben seine Glaubwürdigkeit zu erhalten und dennoch die alten Maori-Legenden zu neuem Leben zu erwecken. Am Ende ist es gar ein bisschen schwierig zu sagen, als was man die Geschichte zuletzt wahrgenommen hat.
Damit ist Whale Rider aber nicht (nur) ein verklärend schöner Film - es geht auch um die soziale Rolle, die eine alte Kultur heute noch spielt, und wie man damit umgehen kann. Die Sagen der Ahnen sind mehr als nur 'kulturell wertvoll' - der Film macht deutlich, dass ihr Erhalt kein Selbstzweck ist/ sein darf.

Der zweite ganz große Punkt, den diese neuseeländische Produktion - gesponsert übrigens von der deutschen Filmförderung - aufweist, sind die großartigen Darsteller. Zuerst natürlich das junge Mädchen, das viel vom Aussehen und der Ausstrahlung Momos (in der gleichnamigen Verfilmung) besitzt; aber auch alle anderen Rollen sind beeindruckend gespielt: Der Großvater, die Großmutter, der Onkel, die anderen Kinder, etc. Wie es den Darstellern gelungen ist, sich derartig glaubhaft und charismatisch in ihre Rollen zu versetzen, ist rätselhaft - aber vielleicht hat es ja mit der starken Beteiligung der echten Maori an dem Filmprojekt zu tun…

Whale Rider ist wie eine Muschel, die zuerst keinen besonderen Eindruck macht und die sich auch nicht ganz einfach öffnen lässt. Wenn man sie aber mit etwas Geduld und gutem Willen schlussendlich offen vor sich hat, findet man eine kleine Perle. Keinen funkelnden Diamanten (wie zuletzt das geniale City Of God), aber eine schöne kleine Perle, an der man allemal seine Freude haben kann.