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Rosenstraße


Es muss ja nicht gleich Schindlers Liste sein - aber ein wenig mehr Emotion hätte Margarethe von Trottas Film gut getan. So bedient die Geschichte um die Ereignisse in der Berliner Rosenstraße im Januar 1943 einmal mehr die Klischees und Vorurteile vom Deutschen Kino. Andererseits aber muss es eben auch nicht Schindlers Liste seinů

Anders als man vielleicht erwartet, erzählt Rosenstraße nicht in erster Linie von dem, was sich am Beginn vom Ende des Dritten Reiches zugetragen hat. Statt dessen beginnt der Film in heutiger Zeit, und das nicht in Berlin sondern in New Yorck. Es entwickelt sich ein Familiendrama, das sich über verschiedene Orte und Zeiten erstreckt und durch verschiedenste Zusammenhänge und Zufälle von einem aufs andere kommt. Die Rosenstraße ist nur ein Teil - und wie sich zeigt, der Anfang - des generationsübergreifenden Dramas (in dem bemerkenswerterweise Männer fast nur in unbedeutenden Nebenrollen auftauchen).

Das Hauptproblem dieses Dramas ist allerdings, dass es wenig dramatisch ist. Denn ganz im Gegensatz zum ursprünglichen, antiken Verständnis des Begriffes schafft es der Film nur selten, den Zuschauer wirklich emotional zu berühren. Oder vielleicht treffender: Der Film will es gar nicht. Man kann durchaus den Eindruck bekommen, dass von Trotta absichtlich vermeiden wollte, 'simple' Emotionen heraufzubeschwören, wie es Spielberg in Schindlers Liste zu vortrefflich getan hat. Nein, der Zuschauer soll nicht von seinen Gefühlen ergriffen werden, vielmehr soll er sich intellektuell in die Geschichte begeben. Das Drama soll nicht gefühlt, es soll erfasst; der Schrecken nicht gespürt, sondern bewusst werden.

Diesen Eindruck vermitteln in erster Linie die Charaktere des Films, sie wirken nie echt verzweifelt oder verängstigt; sie bleiben immer vernünftig. Auch SS-Leute und Gestapo-Offiziere sind 'nur' fies oder hartherzig, nie jedoch brutal oder unmenschlich. Dazu kommt, dass der Film kein Elend kennt. Über Hunger und Armut wird gesprochen, doch nie scheint jemand wirklich in Not. Der Tod kommt ohne Blut und Leiden, und nur als Konsequenz aussichtsloser Resignation. Und immer ist es sauber, die Menschen gepflegt - das Elend scheint ein abstraktes Problem zu sein, kein alltägliches.

All das ist ein Problem für den Film. Eben weil es ein (Spiel-) Film ist. Das Medium verlangt nach Emotionen - Emotionen bilden für das Kino (eben so wie für das Drama des Aristoteles) den eigentlichen Kern. Doch von Trottas Erzählstil ist lehrbuchhaft, dem Feuilleton der FAZ entlehnt. Das will und kann im Kino eigentlich niemand verarbeiten. Der Zuschauer entwickelt gegenüber dem Film und seinen Figuren eine gewisse Gleichgültigkeit.

Andererseits kann es keine ganz falsche Idee sein, Hollywoods Ideen von Gut und Böse, Schön und Hässlich zu verlassen. Es ist nicht ganz unberechtigt, 'Schindlers Liste' so etwas wie übertriebene Gefühlsduselei vorzuwerfen. Konkret bedeutet das: Wenn der Nationalsozialismus nur deswegen 'böse' ist, weil der Regisseur es so will (die Kameraeinstellungen absichtlich darauf abzielen, die dargestellten Nazis völlig unmenschlich sind und die Filmmusik das ganze unterstreicht), wenn Gut und Böse also v.a. formal definiert werden, dann kann das in diesem Zusammenhang nicht alles sein.

Hannah Arendt (als Jüdin nach Amerika geflohen) hat Karl Jaspers (im 'inneren Exil') in deren gemeinsamen Briefwechsel gemahnt, die Nazis eben nicht als das schlichtweg Über-Böse anzusehen, weil man sie dadurch quasi dämonisiert und auf einen so hohen Sockel stellt, dass sie durch das alltägliche Leben nicht mehr tangiert werden können, und jenseits aller Maßstäbe stehen. Das dürfe nicht sein, so Arendt, da es ja nun gerade die Aufgabe sein, zu verhindern, dass derartiges noch einmal passiert. Und wie solle man dies können, wenn man die Schrecken so sehr abstrahiert, dass sie mit allem, was man erleben kann, unvergleichbar werden.

Konkret zurück in der Rosenstrasse fragt sich also: Ist es gut, dass z.B. Spielberg das Dritte Reich ebenso schrecklich zeichnet wie die menschenfressenden Zombies aus 'guten' Gruselfilmen - und dadurch beides in ein Reich des Unwirklichen reflektiert?
Oder sollte man die Nationalsozialisten nicht eher als 'ganz normale' Menschen zeigen, die irgendwie genauso sind, wie der mobbende Kollege auf Arbeit, nur noch ein bisschen fieser? Und dass es Juden gab, die 1943 noch in Berlin leben konnten, ohne sich wie Anne Frank verstecken zu müssen oder so sehr vom Hunger gezeichnet zu sein, wie die Leichen in den KZs?
Kann sein, dass sich von Trotta die Frage beim Drehen des Filmes im Hinterkopf gehabt hat. Unmöglich aber, eine einfache Antwort zu geben.

Unabhängig davon ist das Konzept des Filmes spannend. Die parallele Erzählweise, das Verweben der Inhalte und Probleme ineinander hat Potential - auch wenn dieses vom Film nicht vollständig umgesetzt wird. Mitunter scheint es, als habe man ein wenig zuviel gewollt; vielleicht hätte es gut getan, sich auf weniger zu konzentrieren.
Ebenso diskutabel ist der Teil, in dem der Film die historischen Tatsachen verlässt und - zugunsten von melodramatischen Momenten - spekulative Details einstreut. Sicher ist es kein Beinbruch, dass historische Fakten für einen Spielfilm etwas aufpoliert werden; aber wenn es geschieht, dann sollte doch mehr daraus gemacht werden. Auch hier scheint es wieder, als konnte man sich nicht so recht entscheiden, worauf man inhaltlich besonderen Wert legen wollte und hat im Zweifel alles genommen, was man kriegen konnte.

Unbestritten hat der Film seine Momente. Und unbestritten ist das Handlungsgerüst an sich nicht ohne Reiz. Dass vieles am Ende nicht so gut umgesetzt wurde, wie es hätte sein können ist schade, macht den Film aber noch lange nicht zu einem schlechten. Und davon abgesehen bleibt auf einer Meta-Ebene die interessante(re?) Frage nach dem (filmischen) Umgang mit der Naziherrschaft - zwischen Schindlers Liste und Rosenstraße.