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Who will the winner be? - Die Oscars anno 2004

Am 29. Februar ist es wieder soweit: Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences vergibt die 76th Annual Academy Awards an die Filme, die sie als die besten des letzten Kalenderjahres ansieht. Und die damit in die Analen der Filmgeschichte eingehen werden.

Die Oscar-Verleihung ist nicht nur das wahrscheinlich bekannteste Medien-Spektakel der Welt sondern auch ein wirtschaftliches, mitunter gar politisches Ereignis. Die Verleihung der goldenen Statuetten bedeutet für die ausgezeichneten Filme zumeist einen deutliche Umsatzsteigerung an den Kinokassen - aber darüber hinaus haben die Entscheidungen der Academy-Mitglieder für die Filmbranche in etwa die Bedeutung, die Alan Greenspans Entscheidungen für die Finanzwelt haben. Die letztjährige Auszeichnung Michael Moores für seine Dokumentation Bowling for Columbine war im politisch eher demokratisch orientierten Hollywood keine Sensation, aber unerwartet allemal. Dass die Oscars für die besten Hauptdarsteller vor zwei Jahren beide an afroamerikanische Schauspieler gingen, wurde weithin als politisches Signal gedeutet - als eine Art Ausgleich für die Leistungen farbiger Darsteller, die in den letzten Jahrzehnten von der Academy übergangen und von den Filmstudios diskriminiert wurden.

Oft heißt es, die Auszeichnungen in den verschiedensten Kategorien würden nicht in erster Linie an der tatsächlichen Qualität der erbrachten Leistungen gemessen sondern an ganz anderen Kriterien, wie etwa die bisherige Anzahl der Nominierungen für die potentiellen Preisträger, das Genre des Filmes oder gar die politische Ansicht der Nominierten. Gerade im Zeitraum zwischen Nominierungen und Auszeichnungen gibt es eine Reihe von Kritikern und Experten, die geradezu orakelartig aus den verschiedensten Fakten ihre Vorhersage herleiten.
Gut möglich, dass die Oscar-Verleihungen aus dieser Mischung von Spekulationen, Tratsch und wirtschaftlichen wie politischen Verwicklungen ihre eigentliche Faszination gewinnen - dem gegenüber wirken die sachlichen Analysen bei der Verleihung der Golden Globes oder BAFTA-Awards unscheinbar grau und langweilig rational.

Aber woher kommt diese besondere Magie der Oscars? Ein Teil der Antwort lässt sich finden, wenn man sich das Procedere der Auswahl für Nominierungen und Gewinner anschaut: Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences hat über 6000 Mitglieder aus allen Bereichen der Filmindustrie. Diese sowie alle von der Academy ausgezeichneten Preisträger sind grundsätzlich stimmberechtigt. Die Vorauswahl, als die Nominierungen, werden jeweils von der Gruppe derer getroffen, die selbst auf dem Gebiet tätig sind. Die Nominierungen für 'Beste Kamera' erfolgen also durch Kameramänner und die Nominierungen für 'Bester Ton' durch Tontechniker. Nach dieser Vorauswahl durch Fachleute sind aber alle Stimmberechtigten, also Academy-Mitglieder und bisherige Preisträger, aufgefordert, in jeder Kategorie ihren Favoriten zu wählen.
Es ist nicht völlig weltfremd anzunehmen, dass viele Stimmen abgegeben werden, ohne dass die Wähler den betreffenden Film gesehen oder aber besonders auf die jeweilige Kategorie geachtet haben. Ebenso ist es Tatsache, dass Filme, die in den wichtigen Kategorien wie 'Bester Film', 'Beste Regie' oder 'Beste Kamera' nominiert sind, auch in den Nebenkategorien bedeutend höhere Chancen haben, da diese Filme einfach einen guten Eindruck hinterlassen und dadurch im Zweifelsfall in den Nebenkategorien bevorzugt werden.
Die Liste der Erklärungsversuche für die (Aus-) Wahl der jeweiligen Gewinner ist lang: Von persönlichen Freundschaften, über die Arbeit für das selbe Studio (für welche ausgezeichnete Filme immer auch finanzielle Bedeutung haben) bis hin zu 'Kompensations'-Oscars ist vieles möglich und denkbar.

Und dieses Jahr? Einiges scheint so sicherwie selten, anderes überrascht und vieles sorgt auch diesmal für Spannung. Mit elf Nominierungen gilt Die Rückkehr des Königs nicht nur quantitativ als Favorit: Nachdem die ersten beiden Teile der Trilogie in den Hauptkategorien schon mehrfach nominiert waren, aber die begehrten Trophäen fast nur für technische Leistungen erhielten, sind diesjährige Auszeichnungen für 'Bester Film' und 'Beste Regie' nun mehr als wahrscheinlich - es wäre ungerecht zu meinen; die Oscars würden immer wieder lediglich nach kommerziellen Kriterien vergeben, aber es ist unbestreitbar, dass ein derartiger Erfolg an den Kinokassen, wie ihn Peter Jackson mit seinem Epos erzielte, Einfluss auf die Wahl der Jury hat.
Gut im Rennen liegen dieses Jahr auch Master and Commander, Lost in Translation, Mystic River und Seabiscuit. Bei ersterem ist dies wenig überraschend; Peter Weirs authentische Adaptierung des Seefahrer-Stoffes wurde von Kritikern und Publikum hoch geschätzt und bietet keine Ecken, an denen Hollywood sich stoßen könnte. Der Erfolg des Sportdramas (vielleicht das amerikanischste aller Film-Genres) Seabiscuit ist hierzulande unverständlich, steht aber auch in guter Oscar-Tradition. Eher erstaunlich ist, dass die Leistungen der Akteure in dem durchaus düsteren Mystic River derartig gewürdigt wurde - zumal Sean Penn (nominiert als bester Hauptdarsteller) in Hollywood eher unbeliebt ist. Eine wahrhaft positive Überraschung ist hingegen das unerwartet gute Abschneiden von Sofias Coppolas Lost in Translation. Mit derartig ruhig-zurückhaltenden Filmen schien das große Hollywood in der Vergangenheit eher wenig anfangen zu können - auch wenn der grandiose Erfolg von American Beauty vor vier Jahren schon einen Geisteswandel andeutete. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass Sofia Coppola selbst mit allzu viel Trophäen überhäuft werden wird - dazu ist sie ganz einfach noch zu jung; man wird sich bei kommenden Nominierungen an sie erinnern - so kann sich Bill Murray als bester Hauptdarsteller doch ganz gute Chancen ausrechnen.

Doch unabhängig von diesen vier Favoriten gibt es noch ein paar Überraschungen: Zum einen den Durchfall von Cold Mountain, der bei den Golden Globes stark vertreten war und für die Berlinale als Eröffnungsfilm ausgewählt wurde (auch wenn er dort außer Konkurrenz lief), bei den Oscar-Nominierungen aber fast komplett übergangen wurde. Eine andere, aus deutscher Sicht unangenehme, Überraschung ist das Fehlen von Good Bye, Lenin in der Kategorie der besten nicht-englischsprachigen Filme. International war (und ist) der Film sehr erfolgreich an Kinokassen und bei Kritikern; doch wäre es tatsächlich sehr unwahrscheinlich gewesen, dass nach Nirgendwo in Afrika dieses Jahr erneut ein deutscher Film in dieser Kategorie siegt.
Durchaus als Zeichen mag man die Nominierung von Keisha Castle-Hughes als beste Hauptdarstellerin in Whale Rider verstehen. Dieser Erfolg steht stellvertretend für den wachsenden Respekt, den das klassische Hollywood den unabhängigen Filmen (also solchen, die nicht durch die großen Filmstudios der amerikanischen Ostküste produziert wurden) zollt. Mit ihren 13 Jahren wird die junge Neuseeländerin keine Goldstatue mit nach Hause nehmen können - doch der Mut der Jury zu dieser Nominierung wird ebenso wie die Bilder der jüngsten jemals nominierten Darstellerin beim Besuch des Kodak Theatres eine schöne Erinnerung an die Oscars anno 2004 bleiben.